Interviews mit Professor*innen und Lehrenden

Die Größe unserer Fakultät ermöglicht es persönlich mit unseren Lehrenden in Kontakt zu kommen. Doch nicht immer ergibt sich eine Gelegenheit hierfür und die digitale Lehre hat es noch zusätzlich erschwert. Damit Studierende trotzdem die Möglichkeit haben ihre Lehrenden besser kennenzulernen, besonders jene, die erst während der Coronamaßnahmen zu studieren begonnen haben, haben wir von der StV Katholische Theologie unsere Lehrenden gebeten einen Steckbrief von sich zu verfassen. Nach und nach werden wir diese hier posten und euch auf Facebook und Instragram darauf hinweisen. Wir hoffen euch damit unsere Lehrenden etwas näher bringen zu können und wenn das euer Interesse weckt, dürft ihr sie beim nächsten persönlichen Treffen oder auf einer Exkursion natürlich noch näher kennen lernen. 



ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wolfgang Treitler

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen?

Leider an nichts, bin durch SPL-Agenden gebunden und muss, was noch aussteht, auf die Zeit nach Sept. 2022 verschieben. – Am Herzen liegt mir forschungsmäßig: Kirchenumkehr angesichts der Missbrauchsverbrechen sowie das Scheitern der (christlichen) Messiasfrage.

 

Wenn Sie nicht Fundamentaltheologe wären, worin hätten Sie sich dann spezialisiert?

Erstes Testament als Weltliteratur

 

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

Philosophievorlesungen bei dem mitreißenden Professor Franz Eichinger an der damaligen Phil.-Theol. Hochschule St. Pölten.

 

Von welchen Menschen haben Sie gelernt? Haben Sie Vorbilder?

Am meisten von Prof. Aharon Appelfeld und Prof. Matthias Eichinger. Vorbilder habe ich keine.

 

 

Was ist die drängendste kirchliche Herausforderung der Gegenwart?

Aufgabe der absoluten wahlmonarchischen Hierarchiestruktur, weil sie weder von Christus noch vom Heiligen Geist stammt, sondern vom Römischen Reich ererbt wurde. Das könnte man heute wissen, wenn man wollte, und entsprechend sich ausrichten. Das gäbe den Weg frei zu echter Zuwendung und echtem Einsatz für die unzähligen Armen und Gepeinigten ohne die übliche Herablassung. – Vermutlich bleibt das im coniunctivus irrealis.

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Zweischneidig: Möglichkeiten entlegener Kontaktaufnahme und neue Sklavenhaltung durch digital vermehrte Sitzungen

 

Haben Sie eine Bibelstelle, zu der Sie immer wieder zurückkehren?

Nein. Doch zwei kehren zu mir immer wieder zurück: Ps 88 sowie die hebräische Fassung Mt 26,36-46 im Garten der Kapelle Dominus Flevit in Jerusalem.

 

Welches nicht-theologische Buch können Sie an die Studierenden weiterempfehlen?

George Klein, Elvis My Best Man. – Philip Roth, Exit Ghost.

 

Was möchten Sie an junge Theologiestudierende an dieser Stelle weitergeben? Ein Motto, etc.?

Man/frau hüte sich vor der Eitelkeit der Besten der Besten der Besten und ihrem Zwang, an deren Ende aufgeblasene Banalität steht – Loslassen und Gelassenheit sich selbst gegenüber, Einsatz für eine/n Gequälte/n in der eigenen Umgebung.


Univ.-Prof. Mag. Dr. Andrea Lehner-Hartmann

© Joseph Krpelan
© Joseph Krpelan

Professorin für Religionspädagogik und Katechetik an der Universität Wien seit 2015

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen?

Religiöse Bildung in pluralen Gesellschaften, gender in (religiösen) Erziehungs- und Bildungszusammenhängen, (sexualisierte) Gewalt in Familie und Schule, religiöses Lernen in Ethik- und Religionsunterricht, Zukunftsformen religiöser Bildung in Schulen (interkonfessionelles, interreligiöses Lernen)

 

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

Das Diskutieren mit Studienkolleg*innen nach besuchten (Gast)vorträgen; interdisziplinäre Lehrveranstaltungen fand ich besonders spannend.

 

Von welchen Menschen haben Sie gelernt? Haben Sie Vorbilder?

Ich habe kein spezielles Vorbild, aber ich habe von einer Unzahl von Menschen ganz unterschiedliche Dinge gelernt: von Kindern, wie sie einen mit ihren Fragen binnen kürzester Zeit an die Grenzen bringen können und Nachdenkprozesse einleiten, die einen das Leben lang begleiten, von meinen Schüler*innen, wie sie sich von und für Dinge begeistern lassen,  von Kolleg*innen an der Universität (an der Fakultät, in Forschungsverbünden, am ZLB), wie sie aus tiefster Überzeugung (religiös wie rein humanistisch motiviert) sich für ein gerechtes Zusammenleben einsetzen unabhängig der (negativen) Folgen, die für sie damit verbunden sein können, von meinen und mit meinen Mitarbeiter*innen lerne ich, wie man gemeinsam Dinge vorantreiben kann, sich gegenseitig im Denken und Diskutieren bereichern kann und welchen Spaß es macht zusammen zu arbeiten, von den religionspädagogischen Kolleg*innen auf Österreichebene (und über die katholischen Fakultäten hinaus), wie man Kooperation vor Konkurrenz stellen kann und in Fragen religiöser Bildung in spannende Diskurse eintauchen kann. 

 

Warum ist die Theologie als Wissenschaft für die Gesellschaft unentbehrlich?

Weil sie eine Perspektive der Weltsicht einbringt, die sonst keine wissenschaftliche Disziplin einbringen kann (das gilt aber für unterschiedliche theologische Zugänge); weil Menschen herausgefordert werden, sich die Frage zu stellen, ob es sich lohnen könnte, sich auf die Suche nach einem „Mehr“ zu begeben – ohne bereits eine eindeutige und letztgültige Antwort geben zu können

 

Was ist die drängendste kirchliche Herausforderung der Gegenwart?

Sich den dunklen Seiten der Vergangenheit und Gegenwart zu stellen, wo die Würde des Menschen als Ebenbild Gottes mit Füßen getreten wird – innerhalb wie außerhalb der Kirche

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Dass Krisensituationen eine besondere Aufmerksamkeit für vulnerable Personen erfordern (es aber nicht immer möglich ist, erkennen zu können, wer gerade einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf); wie angewiesen wir auf solidarisches Verhalten – insbesondere global besehen –sind, dieses aber durch individualistisches, nationalegoistisches Verhalten stark gefährdet ist (vgl. Zugang zu Impfstoffen, Wissen zu Gesundheit, Ressourcenverteilung, Armutsbekämpfung etc.)

 

Haben Sie eine Bibelstelle, zu der Sie immer wieder zurückkehren?

Gal 3,28 - Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.

 

Welches nicht-theologische Buch können Sie an die Studierenden weiterempfehlen?

Navid Kermani: Entlang den Gräben: eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

 

Was möchten Sie an junge Theologiestudierende an dieser Stelle weitergeben? Ein Motto, etc.?

Wecken und behalten Sie die Neugierde, von und mit anderen zu lernen.


Mag. Dr. Daniel Seper, BA MA

Universitätsassistent PostDoc im Fach Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie an der Universität Wien seit 2018

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen?

Im Moment forsche und lehre ich zu liturgischer Bildung, besonders im Kontext von Schule. In meiner Dissertation habe ich mich mit einem liturgischen Buch beschäftigt, mit dem anglikanische Traditionen in die Katholische Kirche integriert wurden. Außerdem untersuche ich für ein Forschungsprojekt religiöse Rituale in FiImen.

 

Wenn Sie nicht Liturgiewissenschaftler wären, worin hätten Sie sich dann spezialisiert?

Während meines Studiums hat mich neben der Liturgiewissenschaft vor allem die Ostkirchenkunde fasziniert. Das Interesse für andere Kirchen und ihre Traditionen hat sich bis heute gehalten und so interessiere ich mich weiterhin für Ökumenische Theologie.

 

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

Ich erinnere mich gerne an verschiedene Exkursionen im Rahmen meines Theologiestudiums, das ich auch schon hier in Wien absolviert habe, zurück: nach Russland, Ägypten, etc…

 

Warum ist die Theologie als Wissenschaft für die Gesellschaft unentbehrlich?

Weil sie Fragen stellt, die über das Alltägliche, das Nützliche hinausgehen, die zweck-los, aber alles andere als sinn-los sind.

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Zunächst einmal, dass Dinge funktionieren, von denen man davor gedacht hat, dass sie unmöglich wären. Das fängt bei der digitalen Lehre und beim Home-Office an und hört bei virtuellen Konferenzen, die lange Flugreisen obsolet gemacht haben, auf. Gleichzeitig hat mich die Pandemie den Wert von persönlichen Begegnungen neu schätzen gelernt. 


Univ.-Prof. Dr. Hans-Jürgen Feulner

Professor für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie an der Universität Wien seit 2002

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen?

Drei Forschungsgebiete liegen mir momentan am Herzen, zum einen seit längerem (1) Liturgie und Ökumene, des Weiteren (2) Religiöse Rituale im Film (und in den Medien; bit.ly/3uT1bnz) und schließlich (3) Liturgie und Hygiene („Sakral-Hygiene“; bit.ly/3nfklR6) und digitale Gottesdienstfeiern in Zeiten einer Pandemie (und danach).

 

Wenn Sie nicht Liturgiewissenschaftler wären, worin hätten Sie sich dann spezialisiert?

Physik mit Spezialisierung im Bereich der Elementarteilchenphysik mit/oder Astrophysik. Das interessiert mich nach wie vor (nach Absolvierung des ersten Studienabschnittes der Allgemeinen Physik in München in den 1980er Jahren).

 

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

Das unbeschwerte Miteinander mit anderen Studierenden; die damals noch nicht „verschulten“ Studienordnungen, die eine größere Wahlfreiheit zumindest bei den Seminaren erlaubten.

Spannende Reisen in den Nahen Osten (damals noch auf dem Landweg, z. B. nach Syrien und in den Libanon, auch zur Zeit des Bürgerkrieges). Die schönste dieser privaten Reisen war die am Ende des Sommersemesters 1989 von Wien aus (wo ich damals im Extern-Semester war) über Istanbul in den Tûr Abdin, Syrien (Aleppo, Latakia, Tartus) , Libanon (Tripoli und Diman mit den Zedern), Syrien (Palmyra, Damaskus), Jordanien (Petra, Amman, Gerasa), Israel, Ägypten (bis hinunter nach Abu Simbel), Katharinenkloster auf dem Sinai, zurück nach Israel und Jordanien, Irak (Bagdad, Babylon, Mossul, Nimrud u. Ninive), Türkei (Myra, Ephesus) und abschließend noch Berg Athos in Nordgriechenland – zwei Monate nur auf dem Landweg mit Bus, Bahn und Sammeltaxis. So etwas wäre heute gar nicht mehr möglich (bes. Irak, wo viel zerstört wurde).

Und nicht zu vergessen meine nicht wenigen „Streiche“ mit Mitstudierenden und auch Professoren ;-)

 

Von welchen Menschen haben Sie gelernt? Haben Sie Vorbilder?

Gelernt: zwei Lehrer aus meiner Volksschul- und Realschulzeit. Es gab auch den emeritierten Professor Walter Dürig in München, der mich damals sehr gefördert hatte, weil er ungewöhnliche Wege schätzte.

Vorbilder: nicht direkt, aber man muss auch gelegentlich ungewöhnliche Wege gehen und beharrlich gegen (vermeintliche) Widerstände angehen – dabei aber nicht den Humor und den Schalk verlieren.

 

Warum ist die Theologie als Wissenschaft für die Gesellschaft unentbehrlich?

Letztlich könnte man nach der Bedeutung der Kirche(n) für die Gesellschaft fragen, und damit verbunden dann die Theologie als Wissenschaft. Der Mensch ist schon immer ein homo religiosus. In der Komplexität und Unübersichtlichkeit der modernen Kultur suchen Menschen nach Orientierung und tiefer Verbundenheit. Christentum, Kirche und Theologie können diesen Menschen auf ihrer Suche nach Sinn ein Angebot machen und dabei das Lebensdeutungsangebot des Glaubens immer wieder neu ins Spiel bringen. Über mein Fach hinaus haben gerade die (Sozial-)Ethik und Moraltheologie sehr viel für die Gesellschaft zu sagen (als „moralischer Kompass“) – nicht nur, aber besonders jetzt, in der Pandemie zeigt sich das. Und natürlich haben andere theologische Fächer ebenso eine Relevanz im gesellschaftlichen Diskurs.

Als gesellschaftliches Ereignis steht Gottesdienst immer in einem Bezug zur Gesellschaft, in der er seinen Ort findet. Liturgiewissenschaft ist gefordert, den christlichen Glauben und das Glaubensleben in der sich wandelnden Umwelt mit der Suche nach Orientierung und Sinn zu reflektieren – und dazu gehört ebenso die Suche nach neuen Gestaltungsformen, die die Gottesdienstfeiern als authentische Feiern des Glaubens widerspiegeln. Und wenn man mein Fach etwas weiter fasst, im Sinne von „Ritual Studies“, kann es auch für nichtchristliche Menschen eine durchaus umfassende Bedeutung haben.

 

Was ist die drängendste kirchliche Herausforderung der Gegenwart?

Die Kirchen sind (zumindest bei uns) zunehmend keine Volkskirchen mehr. Immer weniger Menschen werden getauft, und immer mehr Getaufte kehren der/den Kirche(n) den Rücken zu (nach der Erstkommunion oder Firmung oder später) – sei es aufgrund von wachsender Gleichgültigkeit, der Skandale in den Kirche(n), der schlechten persönlichen Erfahrungen oder der mangelnden „Attraktivität“ u. ä. Ohne die vielen Ehrenamtlichen wären die Kirchen – trotz Kirchensteuer in Ö und D – kaum mehr funktionsfähig (Priestermangel usw.). Manche Probleme sind sicherlich nur weltkirchlich zu lösen (Zugang zu den Ämtern oder Zölibat), andere sind jedoch eher selbstgemacht in einer nationalen oder diözesanen Selbstzentrierung (z. B. diözesane Pastoralkonzepte und regionale Großseelsorgeräume – mit mangelnder Transparenz und Kommunikation bzw. einem Dialog oft über die Köpfe der Betroffenen hinweg u. v. m.).

Was bei mir allerdings großteils Befremden hervorruft, ist ein gewisses Schubladendenken in der Theologie (und Kirche), was sich besonders in der Pandemie gezeigt hat, wenn sich z. B. Theologen (und darunter auch Bischöfe) über einen vermeintlichen „Rückfall in vorkonziliare Zeiten“ beklagten, nur weil beispielsweise am Anfang der Pandemie die Livestreams der Messfeiern technisch bedingt zunächst eher auf den zelebrierenden Priester fokussiert waren (da gab es dann die unpassenden Aussagen von „Geistermessen“, Klerikerzentrierung u. ä.).

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Auch bei den Gottesdiensten sollten die Digitalisierungs-Möglichkeiten sinnvoll weitergenutzt werden (Livestreams, Online-Gebetsgruppen u. v. m.). Das darf jedoch nicht zu einer Abwertung der oder Konkurrenz zur leiblichen Gottesdienstpräsenz führen, also kein Ersatz dafür, sondern ein Zusatz zum herkömmlichen Vor-Corona-Zustand.

Manch gottesdienstliches Verhalten (Händereichen, Kelchkommunion, Weihwasser …) wird sich unter Gesundheits- und Hygieneaspekten ändern (müssen), vielleicht auch nicht unbedingt nur zum Schlechten (vgl. auch bit.ly/35tGapR). Allerdings dürfen künftig nicht mehr präzise Schutz- und Hygienekonzepte „zelebriert“ werden, sondern Gottesdienste müssen wirklich „gefeiert“ werden (s. unten).

Kirche darf auch künftig in Krisenzeiten, nicht schweigen, wie es ihr oft für den ersten Lockdown im März/April 2020 vorgeworfen wurde. Man sollte sich für die Gottesdienstkonzepte auch nicht mehr nur ausschließlich auf staatliche Expertisen verlassen, sondern komplementär dazu kirchliche einholen.

Ich habe mich in der langen Zeit der Pandemie in Geduld üben müssen (Anstellen, Warten aufs Impfen …) und noch mehr schätzen gelernt, wie wichtig Gesundheit und die Bedeutung von Zeit, auch für sich selbst, sind, nachdem uns doch fast zwei Jahre des Lebens, des Miteinanders, und für die Uni auch des Lernens und Lehrens, und noch vieles mehr irgendwie abhandengekommen sind.

 

Haben Sie eine Bibelstelle, zu der Sie immer wieder zurückkehren?

Vielleicht 2 Tim 1,7 – was gerade in der Pandemiezeit hilfreich sein kann: Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

 

Welches nicht-theologische Buch können Sie an die Studierenden weiterempfehlen?

Stephen W. HAWKING, Eine kurze Geschichte der Zeit (2011; 352020)

 

Was möchten Sie an junge Theologiestudierende an dieser Stelle weitergeben? Ein Motto, etc.?

Lebe und handle so, wie du es aus deinem Herzen heraus glaubst!

Jeder Außenstehende sollte erkennen können, wie authentisch man selbst ist und wie man das selbst (auch in der eigenen Spiritualität) lebt, was man vom Herzen her – aber mit Verstand – glaubt. Der Glaube ist dabei allerdings nichts Statisches, sondern er ist dynamisch und muss daher auch ständig „gepflegt“ und vertieft werden.

Für eine „würdige“ Gottesdienstfeier heißt das außerdem ganz einfach: man muss jeden Gottesdienst als Fest des Glaubens „authentisch feiern“ – und daraus ergeben sich bereits für die Vorbereitung und bei der Ausführung die notwendigen Kriterien und Handlungsmuster. Ein gefeiertes Fest des Glaubens umfasst die Gewandung, Farben, den Kirchenschmuck, die musikalische Gestaltung bis hin zur Auswahl von Texten und der gesamten Performance usw., die möglichst alle Sinne der Gläubigen ansprechen sollen.


Univ.-Prof. Dr. Sigrid Müller

Professorin für Moraltheologie an der Universität Wien seit 2007

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen?

Derzeit arbeite ich an einer Kleinen Geschichte der Moraltheologie, die Formen moraltheologischen Denkens von Paulus bis in die Gegenwart aufzeigen möchte. Für mich ist die Moraltheologie gerade deshalb ein faszinierendes Feld, weil es so viele spannende Themen gibt. Besonders interessiert mich die Frage, wie Menschenwürde in den unterschiedlichsten Bereichen praktisch wirksam werden kann. Dazu gehören Themen aus der Medizin- und Bioethik, der Pflege, aber natürlich noch vieles andere. Ein zweites Thema, das mich sehr beschäftigt, ist die interkulturelle Ethik: Wie können wir als Christen gut mit kulturellen und religiösen Unterschieden umgehen? Dabei finde ich die Zugänge von Papst Franziskus sowohl zum innerkirchlichen Umgang mit unterschiedlichen Positionen ebenso wie zur Brüderlichkeit ohne Grenzen durch Kirche und Religionen sehr inspirierend.

 

Wenn Sie nicht Moraltheologin wären, worin hätten Sie sich dann spezialisiert?

Wenn ich nicht Moraltheologin geworden wäre, dann wäre ich wahrscheinlich Patristikerin geworden. Durch mein Lateinstudium hatte und habe ich eine besondere Freude an der antiken Literatur. Wenn ich jetzt neu anfangen könnte, würde ich vielleicht eine Theologie in interreligiöser Perspektive entwickeln, Arabisch und andere Sprachen lernen und meine Freude an anderen Kulturen, Sprachen und Denkweisen nützen, um ein gutes Gespräch zwischen unterschiedlichen Glaubensformen zu ermöglichen.

 

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

Neben Festen und Stocherkahnfahrten auf dem Neckar in Tübingen, Exkursionen nach Süditalien und an die Mosel, dem jährlichen Kätherfest (Katharinenfeier mit Theateraufführungen, Sketchen und Musik, zu der das Priesterseminar damals immer eingeladen hat), selbst organisierten Lektürekreisen, meinem Auslandssemester in Rom und Lehrveranstaltungen außerhalb meiner Studiengebiete wie Archäologie waren es vor allem die Tätigkeiten als Studienassistentin in Forschungsprojekten und die Diskussionen bei den mit anderen Unis gemeinsam gestalteten Doktorand*innenseminaren, an die ich besonders gerne zurückdenke, weil sie mir neue Welten erschlossen haben.

 

Von welchen Menschen haben Sie gelernt? Haben Sie Vorbilder?

Gelernt habe ich von vielen Menschen und lerne immer noch weiter. Von jedem Menschen kann man etwas lernen. Auch von Studierenden lerne ich viel. Von meinen Professoren habe ich gelernt, dass die Wirklichkeit immer vielfältiger ist, als man auf den ersten Blick sieht – ganz besonders in der Geschichte unserer Kirche; dass es ganz verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit gibt und dass diese Pluralität ein Reichtum ist; dass Menschen ihren eigenen Weg finden und gehen müssen und dass es ein Geschenk ist, sie dabei ein Stückweit begleiten zu können.

 

Warum ist die Theologie als Wissenschaft für die Gesellschaft unentbehrlich?

Theologie hat gegenüber allen anderen Wissenschaften den Vorzug, dass sie nach dem Sinn fragen darf. Sie hat nicht nur Inhalte und Methoden, um die Inhalte zu bearbeiten, sondern sie erlaubt und fordert immer, die Inhalte daraufhin zu hinterfragen, inwiefern sie zum Gelingen der Menschen und zum Wohl der Welt beitragen. Es geht nicht nur um ein abstraktes Wissen, sondern insgesamt um ein sinnvolles Leben. Für die Umsetzung brauchen wir natürlich alle anderen Wissenschaften auch, weil wir mit technischen Erneuerungen das Leben angenehmer machen können und viele andere Geisteswissenschaften dieses Bemühen unterstützen. Aber die Theologie stellt als Wissenschaft die Frage nach dem Ziel des Lebens und der Welt und danach, wer der Mensch angesichts dessen sein kann. Sie schafft quasi stellvertretend den wissenschaftlichen Raum für das Reflektieren und Forschen über die Menschlichkeit in der Gesellschaft.

 

Was ist die drängendste kirchliche Herausforderung der Gegenwart?

Die Kirche darf sich nicht länger vor allem damit beschäftigen, wer in der Kirche recht hat. Es braucht eine Anerkenntnis der Vielfalt und Raum für unterschiedliche Meinungen und Praxisformen. Nur so kann sich das Engagement ihrer Mitglieder konstruktiv auf die Lösung von Problemen in unserer Gesellschaft und in der Welt richten und die Freude am Glauben produktiv auf das Handeln auswirken.

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Dass wir einander brauchen und das aufeinander Angewiesen-Sein kein Nachteil, sondern Teil eines glückenden Lebens ist.

 

Haben Sie eine Bibelstelle, zu der Sie immer wieder zurückkehren?

Mt 6,34 „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ Die große Herausforderung, wirklich ganz auf Gott zu vertrauen, und viele andere Stellen aus der Bergpredigt gehen mir immer wieder durch den Kopf.

 

Welches nicht-theologische Buch können Sie an die Studierenden weiterempfehlen?

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon.

 

Was möchten Sie an junge Theologiestudierende an dieser Stelle weitergeben? Ein Motto, etc.?

Fragen sind wichtiger als Antworten.


Mag. theol. Florian Pichler, BA

© Daniel Tibi
© Daniel Tibi

Ist Univ.-Ass. am Institut für Kirchen- und Religionsrecht und hat in Wien sein Diplomstudium der Fachtheologie absolviert. Von 2017 bis 2019 leitete er die Studienvertretung Fachtheologie und Lehramt an der Wiener Fakultät.

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen?

Gerade im Zusammenhang mit meinem Dissertationsprojekt in der Teildisziplin Religionsrecht (österr. Staatskirchenrecht) erforsche ich mögliche Spannungsfelder von Geistlichen und weiteren Geheimnisträger*innen in der Pastoral, wenn sie vor staatlichen Gerichten als Zeuge befragt werden. So geraten diese nicht nur in den Konflikt, dass sie einerseits kirchenrechtlich zum Schweigen verpflichtet sind und andererseits vor dem staatlichen Gericht „vollständig und richtig“ aussagen müssen. Ihre Aussage oder eben ihre Nicht-Aussage ist nicht nur eine Frage der Gesetzeslage, sondern sogar von politischem Interesse.  Da muss es noch nicht einmal um einen Prozess in Zusammenhang mit einem Missbrauchsverdacht gehen…

 

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

Die Erinnerung an die Studienexkursionen nach Armenien, Georgien und Indien. Sie glichen mehrwöchigen Abenteuerreisen, auf denen ich nicht nur die fremde Kultur, die Vielfalt des Christentums oder das Land kennenlernen durfte. Auch der intensive Kontakt zu Kolleg*innen blieb bei einigen erhalten.

 

Welches nicht-theologischen Bücher können Sie den Studierenden weiterempfehlen?

Julian Barnes Autobiographie Nothing to Be Frightened Of empfehle ich gerne weiter, zudem Robert Schneiders Schlafes Bruder und Florian Illies 1913.


Univ.-Prof. Dr. Jan-Heiner Tück

Professor für Dogmatik an der Universität Wien seit 2009

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen? 

Ich sitze gerade an einem Buchprojekt, das den Titel Crux. Fragmente über die Anstößigkeit des Kreuzes tragen und im kommenden Jahr im Herder Verlag erscheinen soll. Es geht darin um unterschiedliche Zugänge zur Passion. Die Beobachtung, dass die rettende und versöhnende Kraft des Kreuzes vielen Zeitgenossen (auch innerhalb der Kirche) fremd geworden ist, möchte ich als theologische Herausforderung annehmen. Neben theologischen Zugängen sollen auch ästhetische und poetische Deutungen des Kreuzes eingespielt werden.

 

Wenn Sie nicht Dogmatiker geworden wären, worin hätten Sie sich dann spezialisiert?

Keine ganz leichte Frage. Nach dem Abitur hatte ich unterschiedliche Interessen: Musik, Literatur und Theologie. Gerne wäre ich Pianist geworden, habe dann aber schnell gemerkt, dass dieser Weg sehr steil ist und meine Begabung wohl nicht ausgereicht hätte. So habe ich in Tübingen mit dem Studium der Katholischen Theologie und Germanistik begonnen. Am Ende meiner Studienzeit war ich unsicher, ob ich in der Literaturwissenschaft oder der Theologie weitermachen soll, der Dogmatiker Peter Hünermann – er hat das Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen herausgegeben (unter dem Kürzel DH = Denzinger / Hünermann bekannt) – hat mir dann eine Stelle an seinem Lehrstuhl angeboten. Damit waren die Würfel gefallen.

 

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

In der überschaubaren Universitätsstadt Tübingen gab es jeden Abend um 20.00 Uhr Vorlesungen im Studium generale. Berühmte Köpfe aus allen möglichen Disziplinen waren da zu hören. Meist saßen in einer solchen Vorlesung mehrere hundert Hörerinnen und Hörer. Es herrschte eine dichte, konzentrierte Atmosphäre. Gerne erinnere ich mich daran, wie ich mit Freunden diese Vorlesungen besucht und wir anschließend beim Bier über die gerade gehörten Thesen bis tief in die Nacht lebhaft diskutiert haben.

 

Von welchen Menschen haben Sie gelernt? Haben Sie Vorbilder? 

Ich stamme aus einem winzigen Dorf am Niederrhein, wo in den späten 1970er Jahren kaum jemand aufs Gymnasium ging. Meine Eltern haben mir dann vorgeschlagen, auf ein katholisches Internat zu gehen, das Collegium Augustinianum Gaesdonck. Dort habe ich großartige Lehrer gehabt, die mich mit Kunst, Literatur und vor allem Musik vertraut gemacht haben. Der Kunstlehrer war ein persönlicher Freund von Joseph Beuys, der Musiklehrer ein spanischer Pianist, der unter der Franco-Diktatur nach Deutschland emigriert war, der Religionslehrer hat mit uns Texte von Rahner und Balthasar durchgenommen, aber auch Dante und Freud behandelt. Im Studium in Tübingen hat mich dann die begriffliche Klarheit und rhetorische Brillanz des evangelischen Theologen Eberhard Jüngel beeindruckt. Der renommierte Hans Küng war hingegen eher eine Enttäuschung, während ich an die Lehrveranstaltungen von Michael Theobald, Peter Hünermann und Max Seckler dankbar zurückdenke. Was Vorbilder anlangt, so könnte ich die großen Namen der Tradition nennen, aber die zeitdiagnostische Wachsamkeit von Johann Baptist Metz, die theologische Originalität von Hans Urs von Balthasar, der den gesamten dogmatischen Stoff in dramatischen Kategorien reformuliert hat, sowie die spekulative Kraft von Karl Rahner sind für mich vorbildlich.

 

Warum ist die Theologie als Wissenschaft für die Gesellschaft unentbehrlich? 

Theologie hält die Dimension der Transzendenz offen und ist gerade so Anwalt des Menschen. Mit der Betonung der Unverfügbarkeit und Nichtverrechenbarkeit des Lebens widersetzt sie sich Denkweisen, die funktionalistische Imperative aufstellen. Auch an der Universität sollte die unverzweckte Bildung der Persönlichkeit mehr Raum haben als das Abhaken von ECTS-Punkten. In der Rückbindung an die Gestalt und Botschaft Jesu von Nazareth hält Theologie das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe wach und stärkt das Sensorium für die Schwachen und Leidenden – ein Erbe Israels, ohne welches die soziale Temperatur unserer Gesellschaft schnell absinken würde.

 

Was ist die drängendste kirchliche Herausforderung der Gegenwart? 

Die Erneuerung der Kirche. Dabei sind m.E. zwei Versuchungen zu vermeiden, einerseits der Rückzug ins Ghetto eines versteinerten Traditionalismus, andererseits die anpassungsbeflissene Verdopplung gesellschaftlicher Trends. Dem Evangelium in den pluralen und oft zerklüfteten Lebensverhältnissen heute ein ansprechendes Gesicht zu geben, ist eine Aufgabe, bei die wir alle gefragt sind.

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Demut und Bescheidenheit.

 

Haben Sie eine Bibelstelle, zu der Sie immer wieder zurückkehren?

Das Abendgebet der Kirche in der Komplet: „Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.“

 

Welches nicht-theologische Buch können Sie an die Studierenden weiterempfehlen?

Dostojewskis Roman Der Idiot. Die Hauptfigur, Fürst Myschkin, kann als modernes Christus-Symbol gelesen werden.

 

Was möchten Sie an junge Theologiestudierende an dieser Stelle weitergeben? Ein Motto, etc.?

Gerne setze ich eine Zeile aus Friedrich Hölderlins Hymne „Brot und Wein“ hierher, die mir selbst viel bedeutet:

 

„Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht

Aufzubrechen. So komm! daß wir das Offene schauen,

 

Daß ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.“


Assoz.-Prof. MMag. Dr. Regina Polak, MAS

© Joseph Krpelan
© Joseph Krpelan

Associate Professor für Praktische Theologie seit 2013

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen?Aktuell arbeite ich an Projekten zur Europäischen Wertestudie (zum Verhältnis Werte – Religion – Politik), zum Interreligiösen Dialog, zur Methode des Scriptural Reasoning und zu Migration in Europa. Was allen diesen Projekten gemeinsam ist und mir besonders am Herzen liegt: Angesichts der „Zeichen der Zeit“ wissenschaftlich basiert dazu beizutragen, dass die Kirche ihr Wesen und ihren Auftrag gott-, menschen- und zeit-gerecht verwirklichen kann und damit einen guten Weg in die Zukunft findet. 

 

Wenn Sie nicht Pastoraltheologin wären, worin hätten Sie sich dann spezialisiert?

In der Praktischen Theologie ist man auf den Dialog mit allen theologischen Disziplinen verwiesen. Ich persönlich würde mich gerne, gäbe es dafür mehr Zeit, in die Bibelwissenschaften und in die Sozialethik vertiefen.

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

Zum einen das Verfassen von Seminararbeiten, zum anderen lebhafte Diskussionen in Seminaren. Beides sind die besten Lernorte, weil man selbständig forschen lernt und seine Überlegungen im Diskurs mit anderen vertiefen, korrigieren und schärfen kann.

 

Von welchen Menschen haben Sie gelernt? Haben Sie Vorbilder?

Da ich immer schon davon überzeugt war, dass man von jedem Menschen etwas lernen kann – auch wenn man vielleicht anderer Ansicht ist – hatte und habe ich keine Vorbilder. Ich wollte auch nie werden wie jemand anderer; die eigene Aufgabe, Berufung finden halte ich für wichtiger. Dazu sind andere – insbesondere Lehrer/innen – dann allerdings unbedingt notwendig. An der Kath.-Theologischen Fakultät waren inhaltlich vor allem Paul M. Zulehner (Pastoraltheologie), Karl Augustinus Wucherer Huldenfeld (Philosophie), Erwin Waldschütz (Philosophie), Georg Braulik (Altes Testament) und Martin Jäggle (Religionspädagogik) für mich prägend. Was die wissenschaftliche Biographie angeht, fand ich vor allem die Lebenswege der evangelischen Theologin Dorothee Sölles und der jüdischen Philosophin Hannah Arendt besonders inspirierend.

 

Warum ist die Theologie als Wissenschaft für die Gesellschaft unentbehrlich?

Der Glaube an Gott und einen Sinn der menschlichen Geschichte, die Überzeugung von der unhintergehbaren Würde jedes einzelnen Menschen, die ethischen Konzepte, insbes. von einer gerechten Gesellschaft mit einer besonderen Aufmerksamkeit für die Unsichtbaren, Armen und Marginalisierten, und nicht zuletzt die biblischen Verheißungen auf ein gutes Leben für alle und einen umfassenden Frieden eröffnet Fragen an den Wissenschaftsverbund, die manchmal übersehen oder vergessen werden. Mit dem Zweiten Vatikanum formuliert: Mit der Kirche ist auch die Theologie Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person.

 

Was ist die drängendste kirchliche Herausforderung der Gegenwart?

Mit Blick auf die Kirche in Europa geht es um nicht weniger als das Überleben der Kirche. Dazu ist es notwendig, die eigene Glaubenstradition erinnernd zu vertiefen und im Kontext der „Zeichen der Zeit“ zu reinterpretieren – in Theorie und Praxis.

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Die Widersprüchlichkeit des Menschen: seine unglaubliche Fähigkeit zu Solidarität und phantasievollen Problemlösungen, aber auch seine Neigung zum Bösen, zu Neid, Hass und Egoismus. Vor allem aber seine Fragilität und die Bedeutung des menschlichen und verletzbaren Leibes.

 

Haben Sie eine Bibelstelle, zu der Sie immer wieder zurückkehren?

„Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.“ (Mt 5,37)

 

Welches nicht-theologische Buch können Sie an die Studierenden weiterempfehlen?

Ich würde generell empfehlen, viele nicht-theologische Bücher zu lesen – wissenschaftliche Literatur, Belletristik, Gedichte …. Die Antwort fällt mir schwer.

Für mich ein Augenöffner war: Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. Piper, München/ Zürich 1986 (TB). (12. Auflage. 2008).

 

Was möchten Sie an junge Theologiestudierende an dieser Stelle weitergeben? Ein Motto, etc.?

„Audietur et altera pars!“

 

Die Zeit des Studiums nutzen und sich mit so vielen verschiedenen theologischen Disziplinen und Zugänge auseinandersetzen wie möglich, d.h. sich nicht zu früh auf ein Gebiet spezialisieren, man wird sonst einseitig. Bereit sein, sich auch auf Themen einzulassen, die einem nicht auf den ersten Blick interessant erscheinen – dabei lernt man oft am meisten. Dazu viele Originaltexte lesen. Im Studium in Diskussion mit anderen Studierenden und den Lehrenden ein eigenständiges theologisches Profil entwickeln, d.h. sich auch eigenständig theologisieren trauen. Die interdisziplinäre Weite der Universität Wien nützen und auch in anderen Studien „hineinschnuppern“. Gute Zeitungen lesen (online). Und vor allem: fragen, fragen, fragen.  


Mag. Dr. Florian Wegscheider

Universitätsassistent (PostDoc) Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie seit 2020

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen?

Im Moment schreibe ich gerade an meiner Habilitation zur Fragestellung, welche Perspektiven die Liturgie für die Sakramententheologie eröffnen kann. Hierfür beziehe ich mich auf den Lichtritus der Osternacht als der entscheidende Gestus im gesamten Kirchenjahr.

 

Wenn Sie nicht Liturgiewissenschafter wären, worin hätten Sie sich dann spezialisiert?

Die Dogmatik und Dogmengeschichte hat mich seit Beginn meines Studiums interessiert und ist bis heute ein Teil meines Forschens geblieben.

 

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

Das gemeinsame Reisen mit Studienkolleg*innen. Das Studium der Theologie verbindet nicht nur auf fachlicher Ebene.

 

Von welchen Menschen haben Sie gelernt? Haben Sie Vorbilder?

Gelernt habe ich von den meisten Professor*innen, die ich in meinem Studium gehabt habe. Von den einen mehr, von den anderen weniger. Ich denke, das ist ganz normal.

 

Warum ist die Theologie als Wissenschaft für die Gesellschaft unentbehrlich?

Gute Frage, auf die es wohl viele Antworten gibt. Im Moment habe ich mich im Feld der Antworten folglich positioniert: Die Rede von, über und mit Gott ist per se keine private Angelegenheit. Daher muss es im Interesse der Gesellschaft sein, dass es eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung zu dieser Theo-logie gibt.

 

Was ist die drängendste kirchliche Herausforderung der Gegenwart?

Da bin ich sicherlich durch das Fach geprägt und maße mir nicht an, hier die drängendste Herausforderung nennen zu können. Aus meiner Fachperspektive würde ich im Moment die Frage nach einem zeitgemäßen Sakramentenverständnis hervorstreichen.

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Vielleicht kann ich diese Frage in Rückblick auf die Pandemie beantworten.

 

Welches nicht-theologische Buch können Sie an die Studierenden weiterempfehlen?

Norbert Lammert, Wer vertritt das Volk? Suhrkamp, Berlin 2017

Norbert Lammert ist der ehemalige deutsche Bundestagspräsident und überzeugter Demokrat: https://www.youtube.com/watch?v=HybT6OfyIJw

 

Was möchten Sie an junge Theologiestudierende an dieser Stelle weitergeben? Ein Motto, etc.?

Ich befinde mich noch nicht am Sterbebett, daher warte ich damit noch ein wenig.