Interviews mit Professor*innen und Lehrenden

Die Größe unserer Fakultät ermöglicht es persönlich mit unseren Lehrenden in Kontakt zu kommen. Doch nicht immer ergibt sich eine Gelegenheit hierfür und die digitale Lehre hat es noch zusätzlich erschwert. Damit Studierende trotzdem die Möglichkeit haben ihre Lehrenden besser kennenzulernen, besonders jene, die erst während der Coronamaßnahmen zu studieren begonnen haben, haben wir von der StV Katholische Theologie unsere Lehrenden gebeten einen Steckbrief von sich zu verfassen. Nach und nach werden wir diese hier posten und euch auf Facebook und Instragram darauf hinweisen. Wir hoffen euch damit unsere Lehrenden etwas näher bringen zu können und wenn das euer Interesse weckt, dürft ihr sie beim nächsten persönlichen Treffen oder auf einer Exkursion natürlich noch näher kennen lernen. 


Univ.-Prof. Dr. Jan-Heiner Tück

Professor für Dogmatik an der Universität Wien seit 2009

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen? 

Ich sitze gerade an einem Buchprojekt, das den Titel Crux. Fragmente über die Anstößigkeit des Kreuzes tragen und im kommenden Jahr im Herder Verlag erscheinen soll. Es geht darin um unterschiedliche Zugänge zur Passion. Die Beobachtung, dass die rettende und versöhnende Kraft des Kreuzes vielen Zeitgenossen (auch innerhalb der Kirche) fremd geworden ist, möchte ich als theologische Herausforderung annehmen. Neben theologischen Zugängen sollen auch ästhetische und poetische Deutungen des Kreuzes eingespielt werden.

 

Wenn Sie nicht Dogmatiker geworden wären, worin hätten Sie sich dann spezialisiert?

Keine ganz leichte Frage. Nach dem Abitur hatte ich unterschiedliche Interessen: Musik, Literatur und Theologie. Gerne wäre ich Pianist geworden, habe dann aber schnell gemerkt, dass dieser Weg sehr steil ist und meine Begabung wohl nicht ausgereicht hätte. So habe ich in Tübingen mit dem Studium der Katholischen Theologie und Germanistik begonnen. Am Ende meiner Studienzeit war ich unsicher, ob ich in der Literaturwissenschaft oder der Theologie weitermachen soll, der Dogmatiker Peter Hünermann – er hat das Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen herausgegeben (unter dem Kürzel DH = Denzinger / Hünermann bekannt) – hat mir dann eine Stelle an seinem Lehrstuhl angeboten. Damit waren die Würfel gefallen.

 

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

In der überschaubaren Universitätsstadt Tübingen gab es jeden Abend um 20.00 Uhr Vorlesungen im Studium generale. Berühmte Köpfe aus allen möglichen Disziplinen waren da zu hören. Meist saßen in einer solchen Vorlesung mehrere hundert Hörerinnen und Hörer. Es herrschte eine dichte, konzentrierte Atmosphäre. Gerne erinnere ich mich daran, wie ich mit Freunden diese Vorlesungen besucht und wir anschließend beim Bier über die gerade gehörten Thesen bis tief in die Nacht lebhaft diskutiert haben.

 

Von welchen Menschen haben Sie gelernt? Haben Sie Vorbilder? 

Ich stamme aus einem winzigen Dorf am Niederrhein, wo in den späten 1970er Jahren kaum jemand aufs Gymnasium ging. Meine Eltern haben mir dann vorgeschlagen, auf ein katholisches Internat zu gehen, das Collegium Augustinianum Gaesdonck. Dort habe ich großartige Lehrer gehabt, die mich mit Kunst, Literatur und vor allem Musik vertraut gemacht haben. Der Kunstlehrer war ein persönlicher Freund von Joseph Beuys, der Musiklehrer ein spanischer Pianist, der unter der Franco-Diktatur nach Deutschland emigriert war, der Religionslehrer hat mit uns Texte von Rahner und Balthasar durchgenommen, aber auch Dante und Freud behandelt. Im Studium in Tübingen hat mich dann die begriffliche Klarheit und rhetorische Brillanz des evangelischen Theologen Eberhard Jüngel beeindruckt. Der renommierte Hans Küng war hingegen eher eine Enttäuschung, während ich an die Lehrveranstaltungen von Michael Theobald, Peter Hünermann und Max Seckler dankbar zurückdenke. Was Vorbilder anlangt, so könnte ich die großen Namen der Tradition nennen, aber die zeitdiagnostische Wachsamkeit von Johann Baptist Metz, die theologische Originalität von Hans Urs von Balthasar, der den gesamten dogmatischen Stoff in dramatischen Kategorien reformuliert hat, sowie die spekulative Kraft von Karl Rahner sind für mich vorbildlich.

 

Warum ist die Theologie als Wissenschaft für die Gesellschaft unentbehrlich? 

Theologie hält die Dimension der Transzendenz offen und ist gerade so Anwalt des Menschen. Mit der Betonung der Unverfügbarkeit und Nichtverrechenbarkeit des Lebens widersetzt sie sich Denkweisen, die funktionalistische Imperative aufstellen. Auch an der Universität sollte die unverzweckte Bildung der Persönlichkeit mehr Raum haben als das Abhaken von ECTS-Punkten. In der Rückbindung an die Gestalt und Botschaft Jesu von Nazareth hält Theologie das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe wach und stärkt das Sensorium für die Schwachen und Leidenden – ein Erbe Israels, ohne welches die soziale Temperatur unserer Gesellschaft schnell absinken würde.

 

Was ist die drängendste kirchliche Herausforderung der Gegenwart? 

Die Erneuerung der Kirche. Dabei sind m.E. zwei Versuchungen zu vermeiden, einerseits der Rückzug ins Ghetto eines versteinerten Traditionalismus, andererseits die anpassungsbeflissene Verdopplung gesellschaftlicher Trends. Dem Evangelium in den pluralen und oft zerklüfteten Lebensverhältnissen heute ein ansprechendes Gesicht zu geben, ist eine Aufgabe, bei die wir alle gefragt sind.

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Demut und Bescheidenheit.

 

Haben Sie eine Bibelstelle, zu der Sie immer wieder zurückkehren?

Das Abendgebet der Kirche in der Komplet: „Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.“

 

Welches nicht-theologische Buch können Sie an die Studierenden weiterempfehlen?

Dostojewskis Roman Der Idiot. Die Hauptfigur, Fürst Myschkin, kann als modernes Christus-Symbol gelesen werden.

 

Was möchten Sie an junge Theologiestudierende an dieser Stelle weitergeben? Ein Motto, etc.?

Gerne setze ich eine Zeile aus Friedrich Hölderlins Hymne „Brot und Wein“ hierher, die mir selbst viel bedeutet:

 

„Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht

Aufzubrechen. So komm! daß wir das Offene schauen,

 

Daß ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.“


Assoz.-Prof. MMag. Dr. Regina Polak, MAS

© Joseph Krpelan
© Joseph Krpelan

Associate Professor für Praktische Theologie seit 2013

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen?Aktuell arbeite ich an Projekten zur Europäischen Wertestudie (zum Verhältnis Werte – Religion – Politik), zum Interreligiösen Dialog, zur Methode des Scriptural Reasoning und zu Migration in Europa. Was allen diesen Projekten gemeinsam ist und mir besonders am Herzen liegt: Angesichts der „Zeichen der Zeit“ wissenschaftlich basiert dazu beizutragen, dass die Kirche ihr Wesen und ihren Auftrag gott-, menschen- und zeit-gerecht verwirklichen kann und damit einen guten Weg in die Zukunft findet. 

 

Wenn Sie nicht Pastoraltheologin wären, worin hätten Sie sich dann spezialisiert?

In der Praktischen Theologie ist man auf den Dialog mit allen theologischen Disziplinen verwiesen. Ich persönlich würde mich gerne, gäbe es dafür mehr Zeit, in die Bibelwissenschaften und in die Sozialethik vertiefen.

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

Zum einen das Verfassen von Seminararbeiten, zum anderen lebhafte Diskussionen in Seminaren. Beides sind die besten Lernorte, weil man selbständig forschen lernt und seine Überlegungen im Diskurs mit anderen vertiefen, korrigieren und schärfen kann.

 

Von welchen Menschen haben Sie gelernt? Haben Sie Vorbilder?

Da ich immer schon davon überzeugt war, dass man von jedem Menschen etwas lernen kann – auch wenn man vielleicht anderer Ansicht ist – hatte und habe ich keine Vorbilder. Ich wollte auch nie werden wie jemand anderer; die eigene Aufgabe, Berufung finden halte ich für wichtiger. Dazu sind andere – insbesondere Lehrer/innen – dann allerdings unbedingt notwendig. An der Kath.-Theologischen Fakultät waren inhaltlich vor allem Paul M. Zulehner (Pastoraltheologie), Karl Augustinus Wucherer Huldenfeld (Philosophie), Erwin Waldschütz (Philosophie), Georg Braulik (Altes Testament) und Martin Jäggle (Religionspädagogik) für mich prägend. Was die wissenschaftliche Biographie angeht, fand ich vor allem die Lebenswege der evangelischen Theologin Dorothee Sölles und der jüdischen Philosophin Hannah Arendt besonders inspirierend.

 

Warum ist die Theologie als Wissenschaft für die Gesellschaft unentbehrlich?

Der Glaube an Gott und einen Sinn der menschlichen Geschichte, die Überzeugung von der unhintergehbaren Würde jedes einzelnen Menschen, die ethischen Konzepte, insbes. von einer gerechten Gesellschaft mit einer besonderen Aufmerksamkeit für die Unsichtbaren, Armen und Marginalisierten, und nicht zuletzt die biblischen Verheißungen auf ein gutes Leben für alle und einen umfassenden Frieden eröffnet Fragen an den Wissenschaftsverbund, die manchmal übersehen oder vergessen werden. Mit dem Zweiten Vatikanum formuliert: Mit der Kirche ist auch die Theologie Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person.

 

Was ist die drängendste kirchliche Herausforderung der Gegenwart?

Mit Blick auf die Kirche in Europa geht es um nicht weniger als das Überleben der Kirche. Dazu ist es notwendig, die eigene Glaubenstradition erinnernd zu vertiefen und im Kontext der „Zeichen der Zeit“ zu reinterpretieren – in Theorie und Praxis.

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Die Widersprüchlichkeit des Menschen: seine unglaubliche Fähigkeit zu Solidarität und phantasievollen Problemlösungen, aber auch seine Neigung zum Bösen, zu Neid, Hass und Egoismus. Vor allem aber seine Fragilität und die Bedeutung des menschlichen und verletzbaren Leibes.

 

Haben Sie eine Bibelstelle, zu der Sie immer wieder zurückkehren?

„Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.“ (Mt 5,37)

 

Welches nicht-theologische Buch können Sie an die Studierenden weiterempfehlen?

Ich würde generell empfehlen, viele nicht-theologische Bücher zu lesen – wissenschaftliche Literatur, Belletristik, Gedichte …. Die Antwort fällt mir schwer.

Für mich ein Augenöffner war: Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. Piper, München/ Zürich 1986 (TB). (12. Auflage. 2008).

 

Was möchten Sie an junge Theologiestudierende an dieser Stelle weitergeben? Ein Motto, etc.?

„Audietur et altera pars!“

 

Die Zeit des Studiums nutzen und sich mit so vielen verschiedenen theologischen Disziplinen und Zugänge auseinandersetzen wie möglich, d.h. sich nicht zu früh auf ein Gebiet spezialisieren, man wird sonst einseitig. Bereit sein, sich auch auf Themen einzulassen, die einem nicht auf den ersten Blick interessant erscheinen – dabei lernt man oft am meisten. Dazu viele Originaltexte lesen. Im Studium in Diskussion mit anderen Studierenden und den Lehrenden ein eigenständiges theologisches Profil entwickeln, d.h. sich auch eigenständig theologisieren trauen. Die interdisziplinäre Weite der Universität Wien nützen und auch in anderen Studien „hineinschnuppern“. Gute Zeitungen lesen (online). Und vor allem: fragen, fragen, fragen.  


Mag. Dr. Florian Wegscheider

Universitätsassistent (PostDoc) Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie seit 2020

 

Woran forschen Sie gerade? Welches Forschungsgebiet liegt Ihnen besonders am Herzen?

Im Moment schreibe ich gerade an meiner Habilitation zur Fragestellung, welche Perspektiven die Liturgie für die Sakramententheologie eröffnen kann. Hierfür beziehe ich mich auf den Lichtritus der Osternacht als der entscheidende Gestus im gesamten Kirchenjahr.

 

Wenn Sie nicht Liturgiewissenschafter wären, worin hätten Sie sich dann spezialisiert?

Die Dogmatik und Dogmengeschichte hat mich seit Beginn meines Studiums interessiert und ist bis heute ein Teil meines Forschens geblieben.

 

Was ist ihre liebste Erinnerung an Ihre eigene Studienzeit?

Das gemeinsame Reisen mit Studienkolleg*innen. Das Studium der Theologie verbindet nicht nur auf fachlicher Ebene.

 

Von welchen Menschen haben Sie gelernt? Haben Sie Vorbilder?

Gelernt habe ich von den meisten Professor*innen, die ich in meinem Studium gehabt habe. Von den einen mehr, von den anderen weniger. Ich denke, das ist ganz normal.

 

Warum ist die Theologie als Wissenschaft für die Gesellschaft unentbehrlich?

Gute Frage, auf die es wohl viele Antworten gibt. Im Moment habe ich mich im Feld der Antworten folglich positioniert: Die Rede von, über und mit Gott ist per se keine private Angelegenheit. Daher muss es im Interesse der Gesellschaft sein, dass es eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung zu dieser Theo-logie gibt.

 

Was ist die drängendste kirchliche Herausforderung der Gegenwart?

Da bin ich sicherlich durch das Fach geprägt und maße mir nicht an, hier die drängendste Herausforderung nennen zu können. Aus meiner Fachperspektive würde ich im Moment die Frage nach einem zeitgemäßen Sakramentenverständnis hervorstreichen.

 

Was hat Sie die Corona-Pandemie gelehrt?

Vielleicht kann ich diese Frage in Rückblick auf die Pandemie beantworten.

 

Welches nicht-theologische Buch können Sie an die Studierenden weiterempfehlen?

Norbert Lammert, Wer vertritt das Volk? Suhrkamp, Berlin 2017

Norbert Lammert ist der ehemalige deutsche Bundestagspräsident und überzeugter Demokrat: https://www.youtube.com/watch?v=HybT6OfyIJw

 

Was möchten Sie an junge Theologiestudierende an dieser Stelle weitergeben? Ein Motto, etc.?

Ich befinde mich noch nicht am Sterbebett, daher warte ich damit noch ein wenig.